Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer


Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer
Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer
 
1975 wurden bei Cacaxtla im mexikanischen Gliedstaat Puebla sensationell gut erhaltene Wandfresken entdeckt, die seitdem die Aufmerksamkeit von Historikern auf sich ziehen: Beinahe lebensgroße Kombattanten stehen sich in einem 22 m langen Schlachtgemälde gegenüber. Die nach hitzigem Handgemenge siegreiche Truppe ist in Jaguarfelle gekleidet, trägt Stirnbänder aus Klapperschlangenhaut und im Haar Adlerfedern; Vogelhelme, wie sie in Teilen des südlichen Mesoamerika üblich waren, schmücken die unterlegenen Krieger. Nach den Fundumständen datiert man die Fertigstellung der Fresken ins ausklingende 9. Jahrhundert n. Chr. Damals verscharrten die offenbar drohendes Unheil fürchtenden Einwohner des befestigten Handelspostens Xochicalco südwestlich von Mexiko-Stadt Sakralgegenstände in einem Schatzdepot. Kurz darauf traten an die Stelle der in Xochicalco üblichen Schriftzeichen Formen, wie sie später die Azteken und ihre Nachbarn benutzten.
 
Solche Indizien bestätigen eine These, die schon seit längerem von Forschern vorgebracht wird: Fremde Völker verließen um 800 n. Chr. ihre nordmexikanische Heimat und überschwemmten in mehreren Wellen Mesoamerika. Dabei wandelten sich außer den ethnischen auch die soziokulturellen Verhältnisse der Region grundlegend. Mit dem Völkersturm bricht ein neues Zeitalter an, unter der Ägide von Kriegerfürsten und Reichsgründern — die Nachklassik.
 
 
Die Invasoren waren überwiegend Feldbau treibende Nahuastämme, Volksgruppen utoaztekischer Sprachzugehörigkeit, die aus den nördlichen Randzonen des Hochkulturgebietes kamen. Auf der Suche nach Tollán, einem paradiesischen »Ort ohne Übel«, entflohen sie ihrem unwirtlicher gewordenen Lebensraum, dessen zunehmende Austrocknung mit einer weltweit greifenden wärmeren Klimaepisode, dem Neoatlantikum (800—1200 n. Chr.), zusammenhing. Tollán, die »Insel der Glückseligen«, wird heute mit Teotihuacán gleichgesetzt. Die Ausstrahlung der Metropole wirkte in Mesoamerika selbst nach ihrem Untergang fort und geriet zur Legende. Teotihuacán fanden die Wüstenkrieger nicht mehr vor, wohl aber seine Zöglinge — die zivilisierte Bevölkerung Zentralmexikos.
 
Die Neuankömmlinge nannten die Alteingesessenen Tolteca (»Städter«), ein Name, der mit handwerklichem Können und verfeinerter Lebensart einherging. In engerem Sinn war er auf die Hochland-Totonaken gemünzt, die wahrscheinlich zu den Gründern Teotihuacáns zählten und möglicherweise auch dessen Oberschicht stellten. Nach dem Brand ihres Hauptortes verteilten sie sich anscheinend in der Umgebung, besetzten frühere Handelsniederlassungen (Faktoreien) und bauten sie zu Stützpunkten aus. Diese Tolteken wurden Lehrmeister der eingewanderten Nahuastämme, die sich ihren Vorbildern rasch anglichen. In der Folge wurde Tolteca zum Synonym für ihre erfolgreiche Anpassung, zum Ausweis »höherer Abkunft« und von Beziehungen zu Tollán/Teotihuacán. Die ersten militär-aristokratischen Stadtstaaten und Kleinfürstentümer auf mexikanischem Boden gehen auf diese Verbände zurück. Um besser zwischen echten Tolteken und Epigonen unterscheiden zu können, brachten spätere indianische Geschichtsschreiber die Bezeichnung Tolteca Chichimeca auf. Chichimeca (»Leute, die von Hunden abstammen«) bezog sich auf alle Völker des Nordens; in Zusammenhang mit Tolteca verwies der Begriff auf die nördliche Herkunft bestimmter (Nahua sprechender) toltekischer Gruppen.
 
Auf ihrer Wanderung stießen die Tolteca Chichimeca auf einen früheren Vorposten Teotihuacáns, den spätere Chronisten Tollán Xicocotitlán (»Stadt am Berg Xicocotl«) tauften — das heutige Tula im mexikanischen Gliedstaat Hidalgo. Dorthin hatten sich die totonakischen Nonoalca zurückgezogen. Beide Volksgruppen errichteten hier eine prächtige Stadt (Blütezeit etwa 900—1150), die rund 30000 Einwohner ernähren konnte. Archäologen schätzen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung mit Obsidianverarbeitung beschäftigt war. Daneben spielte auch der Abbau von Travertin eine Rolle. Handel mit diesen Gütern bestimmte die Wirtschaft Tulas, das im Nordwesten (La Quemada) und Norden (Casas Grandes, Zape) bereits bestehende Ansiedlungen nichttoltekischer Völker zu Faktoreien und Forts umrüstete.
 
Geräumige um den Zentralhof gruppierte Versammlungshallen, umgeben von Pfeilerreihen und saalähnlichen Vorbauten, kennzeichnen die Architektur Tulas. Dieses neue Bauschema spiegelt die sozialen und religiösen Umwälzungen in Mesoamerika seit Ankunft der Nahua. Hatten bisher die nur Eingeweihten verständlichen Riten theokratischer Machthaber (deren Herrschaft allein religiös legitimiert ist) die Konstruktion von Sakralanlagen auf zellenartige Enge der Innenräume festgelegt, erforderte jetzt die Teilnahme vieler gleichberechtigter Personen (Mitglieder der Kriegerbünde) am kultischen Geschehen großzügigere Ausführungen.
 
Den religiösen Mittelpunkt des Ortes bildete ein Pyramidenstumpf zu Ehren von Quetzalcoatl, dem Hauptgott Tulas. Auch dessen irdischer Statthalter trug diesen Namen. Als Gottkönig lenkte jener Priesterfürst die Geschicke der Stadt. Die Herrschaft der Sakralkönige Tulas endete 987, als Kriegerbünde die Macht an sich rissen. Ce Acatl Topiltzin, der vertriebene Quetzalcoatl, soll daraufhin an der Spitze seiner Getreuen nach Yucatán geflohen sein, wo er die toltekische Dynastie von Chichén Itzá begründete. Doch das ist Legende. Wie wir heute wissen, fand dieser Machtwechsel bereits 918 statt.
 
Auch andernorts hatten sich inzwischen Tolteken niedergelassen, vor allem am Südrand des Beckens von Mexiko, wo mit Colhuacán ein bedeutendes Zentrum aufblühte. Das Schicksal Tulas erfüllte sich im 12. Jahrhundert, als ein Kampftrupp von Teochichimeca (Otomí) die Stadt einäscherte. Überlebende flohen in den Schutz der Mauern Colhuacáns oder verteilten sich über ganz Südmexiko und Guatemala. In Nicaragua, der südlichsten Station ihrer Odyssee, tauchten Tolteken (Nicarao) erst im 14. Jahrhundert auf.
 
 Zapoteken und Mixteken
 
Weitgehend unberührt von diesen Ereignissen blieben die Zapoteken Oaxacas. Monte Albán hatte seine beherrschende Stellung zwischen 650 und 700 eingebüßt. Verschiedene zapotekische Stadtstaaten, darunter Lambityeco, Yagul, Lio Baa (Mitla) und Zaachila, traten das Erbe an. Unter äußerem Druck, namentlich der mixtekischen Expansion, rückten diese Fürstentümer zeitweilig enger zusammen, mussten aber bedeutende Landverluste hinnehmen. Die Mixteken (oder Ñuudzavui) waren im 6. Jahrhundert aus Puebla in den Westen Oaxacas vorgedrungen. Ihre Ausbreitung verlief anfangs relativ friedlich; dynastische Verflechtungen mit zapotekischen Adelshäusern begleiteten den Vorgang. Später wurden Landgewinne auch militärisch vorbereitet. Besonders zu Lebzeiten von Na Cuaa (Acht Hirsch; 1063—1115), der vorübergehend die wichtigsten mixtekischen Niederlassungen unter seine Kontrolle brachte, huldigte man der Gewaltdoktrin. Na Cuaa war eine schillernde Persönlichkeit von außergewöhnlichem politischem Format. Zahlreiche Bildchroniken — weißgegerbte, bemalte Hirschhäute, die man nach Art eines Leporelloalbums faltete — schildern seine Biographie ausführlicher als die anderer Potentaten. Wie sein Vorgänger erlitt er, 53-jährig, den Opfertod — womöglich Hinweis auf den von Mixteken praktizierten rituellen Königsmord.
 
Herausragende kulturelle Bedeutung erlangten die Mixteken durch Einführung und Perfektionierung der Metallurgie, die bis etwa 900 n. Chr. in Mesoamerika unbekannt war. Wahrscheinlich ist, dass mixtekische Kaufleute in Zentralamerika die Kunst der Metallverarbeitung kennen lernten und diese »Marktlücke« für sich entdeckten. Jedenfalls behaupteten sie geraume Zeit ein entsprechendes Monopol, und mixtekische Handwerker versorgten die Fürstenhöfe ganz Mesoamerikas mit ihren Produkten. Politisch war der mixtekische Siedlungsraum in mehrere autonome Kleinstaaten gegliedert, darunter Tututépec, Tilantongo, Teozacoalco und Mitla. 1521 verleibten die Spanier diese Sprengel ihrem Kolonialreich ein.
 
 
Abseits der bisher behandelten Kernzone, in den Gebirgen Westmexikos, hatten die dort ansässigen Volksgruppen nicht am allgemeinen kulturellen Aufschwung teilgenommen und Traditionen aus frühester Zeit bewahrt. Von diesem Hintergrund lösten sich im 9. Jahrhundert die Tarasken oder Phorépecha. Als politisches Zentrum wählten sie um 1200 nach anfänglicher Gewaltenteilung mit Pátzcuaro und Ihuatzio die Stadt Tzintzuntzán am Ufer des Pátzcuarosees. Initiator des ursprünglichen Dreierbundes war Tariákuri aus dem Adelsgeschlecht der Yanaseo, das sich von später mit den Tarasken zusammengetroffenen Chichimeken herleiten soll. Dank der von den Yanaseo eingeführten strengen militärischen Zucht gelang es, im 14. und 15. Jahrhundert weite Teile des westlichen Hochlandes bis in die Gegend von Querétaro zu unterwerfen. 1478 schlugen die Tarasken im Tal von Toluca den Aztekenherrscher Axayacatl vernichtend. Der Sieg sicherte ihnen die regionale Vormachtstellung im nordwestlichen Mesoamerika.
 
Mancher Wesenszug ihrer Kultur erklärt sich aus den naturräumlichen Gegebenheiten: dem reich bewässerten Stammland Michoacán, den vielen aktiven Vulkanen und dem gemäßigten Klima. Feldbau war dort mit weniger Risiko zu treiben als anderswo in Mesoamerika. Dichte Mischwälder lieferten Holz im Überfluss. Blockhäuser mit Holzschindeldächern und Einbäume, die man beim Fischfang im Pátzcuarosee benutzte, unterstreichen die Bedeutung dieses Materials. Aus Stein bestanden dagegen die charakteristischen Kegelstumpfpyramiden (yákata), eine Kombination runder und rechteckiger Baukörper, die den Sakralanlagen ein wehrhaftes Aussehen verleiht.
 
 
Die Pufferzone zwischen den Kulturen Westmexikos und den Zivilisationen des Ostens bewohnten vor der Jahrtausendwende kleine Gruppen von Jägern und Sammlern. Einige der Verbände gehörten zur Nahuafamilie. Sie bedienten sich einer Variante dieser Sprache, die Nahuatl genannt wird. Vielleicht durch die Ausbreitung der Tarasken ostwärts abgedrängt, trafen Nahuatleinheiten auf ihren Wanderzügen mit anderen Neuankömmlingen zusammen, den »echten« Chichimeken (Teochichimeca) oder Ñañú-Otomí. Die Otomí gelangten, angelockt von Reichtum und Pracht der urbanen Zentren, als erste in das zentralmexikanische Becken. Dichtauf folgten Nahuatlstämme, unter denen Tepaneken und Acolhua hervorzuheben sind. Zuletzt kamen die ebenfalls Nahuatl sprechenden Azteken in ihr historisches Siedlungsgebiet.
 
Eigentlich lautet der Eigenname der Azteken Mehitin (»Menschen«). Die Bezeichnung Azteca leitet sich von Aztlán (»Silberreiherland«) ab, ihrem sagenhaften Ursprungsort. Als sie die geschichtliche Bühne betraten, waren die Azteken noch ein schwaches Volk, das vor seinen vielen Feinden ständig auf der Hut sein musste. Zuflucht fanden sie schließlich auf einigen Schilfinseln inmitten des Texcocosees. Hier gründeten sie 1325 die Stadt Tenochtitlán, etwas später in Sichtweite deren Dependence Tlatelolco. Im Vasallendienst des Tepanekenherrschers Tezozomoc von Azcapotzalco, dem es mithilfe der rauen Wüstenkrieger gelang, das von Otomí bewohnte Tenayuca niederzuringen, teilten die Azteken den Aufschwung seines Reiches. Ihre Stellung galt jetzt als so weit gefestigt, dass Tenochtitlán und Tlatelolco eigene Herrscherdynastien einsetzen durften. Um die Dynastien »salonfähig« zu machen, wurden Heiratsbande zu fremden Adelshäusern geknüpft: Acamapichtli von Tenochtitlán (1372—91) ehelichte eine Prinzessin aus dem toltekischen Colhuacán; Cuacuauhpitzahuac, Führer der Schwesterstadt, nahm eine Tepanekin zur Frau. Der Weg zur Großmacht war nun für die Azteken gebahnt. 1426, im Todesjahr Tezozomocs, sannen die Tepaneken nach Möglichkeiten, sich der unbequemen Emporkömmlinge zu entledigen. Als Chimalpopoca von Tenochtitlán Opfer eines politischen Attentates wurde, wechselten die Azteken die Fronten und verbündeten sich mit den Acolhua von Tetzcoco gegen ihre einstigen Lehnsherren. 1428 triumphierte Chimalpopocas Nachfolger Itzcoatl über Azcapotzalco und zerstörte die Stadt.
 
Im Zuge dieses Sieges konstituierte sich eine Dreierallianz, der die Azteken, die Acolhua und das neue tepanekische Zentrum Tlacopán angehörten. Treibende Kraft des Bündnisses war Nezahualcóyotl von Tetzcoco, ein feinsinniger Mann, den schönen Künsten zugetan und Meister diplomatischer Ränke. 1440 nahm Moctezuma I. die Königswürde von Tenochtitlán-Tlatelolco an. Durch ihn erhöhte sich das politische Gewicht der Azteken im Bund. Als Nezahualcóyotls Sohn Nezahualpilli 1515 starb, rissen sie die alleinige Macht an sich. Moctezuma II. ließ den Puffer Tlacopán annektieren und lancierte einen Marionettenfürsten auf den Thron Tetzcocos.
 
Mit der Zeit eroberten die Verbündeten weite Teile des zentralen Mesoamerika. Schließlich erstreckte sich ihre Herrschaft auf etwa sechs Millionen Menschen. Da weder dauernde militärische Präsenz noch durchgängige Kontrolle das Reich zusammenhielt, und vorrangiges Ziel der Bundespolitik die Beschaffung von Luxusartikeln und Gebrauchsgütern aus den abhängigen Gebieten war, was vorzugsweise durch Abgaben geschah, umschreibt man die aztekische Hegemonialzone am besten als locker gefügtes Tributimperium.
 
Neben Tributleistungen dienten Handel und Märkte der Warenzirkulation. Voraussetzung für die Nutzgüterversorgung war ertragreicher Gartenbau. Aus dem Zwang zur Urbarmachung der vermarschten Seeufer hervorgegangen, fußte er auf der Bewirtschaftung von chinampas — Pontonbeete aus Zweigen, Schilf und Schlamm, die man durch Baumbepflanzung im sumpfigen Untergrund verankerte. Schiffbare Kanäle trennten die Parzellen voneinander.
 
Solche Chinampagärten bildeten den äußeren Kranz Tenochtitláns. Im Innern schlossen sich Hausgrundstücke an, die in Zeilen auf den Stadtkern zuliefen. Seite an Seite geführte Straßen und Wasserwege überzogen die Insel mit einem engmaschigen Verkehrsnetz; drei Dämme banden die Siedlung ans Festland. Der gesamte Stadtkomplex, Wohnsitz von annähernd 250000 Menschen, gliederte sich in vier Viertel und eine Anzahl Nachbarschaften (calpoltin, Singular: calpolli), die als Verwaltungseinheiten dienten. Jedem dieser Quartiere stand ein Exekutivbeamter vor. Andere Administratoren widmeten sich dem Einzug von Tributen oder der Rekrutierung von Arbeitskräften für kommunale Dienstleistungen. Unter den Augen strenger Zuchtmeister erhielten die Söhne von Gemeinfreien im Jungmännerhaus eines calpolli militärischen Schliff; gleichzeitig fungierte die Einrichtung als Ort der Begegnung. Spartanischer ging es in den »Gymnasien« zu. Jene Eliteschulen unterrichteten adlige Jugendliche, die sich hier auf ihre Laufbahn als Offizier, Priester oder höherer Beamter vorbereiteten, in Militärstrategie, Naturwissenschaften, Kalenderdeutung, Rhetorik und Dichtkunst.
 
Die gesellschaftliche Stellung der Einwohner Tenochtitláns nahm vom Stadtkern, wo die angesehensten Bürger lebten, zu den Außenbezirken immer weiter ab. Inmitten der Metropole befanden sich das Zeremonialzentrum, der große Marktplatz, die Paläste der Edelleute und die von Parks und einem Zoo umgebene Residenz. Alle städtischen Gebäude überragte die den Göttern Huitzilopochtli und Tlaloc geweihte Doppelpyramide des Haupttempels. In der Nähe standen weitere Gotteshäuser, lagen das Ballspielfeld, die Schädelstätte, wo man die Köpfe geopferter Feinde zur Schau stellte, und ein Bad, in dem die Priesterschaft rituelle Waschungen vornahm.
 
Schichtung und soziale Klassen kennzeichneten die aztekische Gesellschaft. Ein grundsätzlicher Unterschied bestand zwischen Adligen und Gemeinfreien. Eine eigene Gruppe bildeten die Sklaven, bei denen es sich um Verbrecher oder Schuldner handeln konnte, aber auch um Personen, die zur Ableistung bestimmter Dienste verpflichtet wurden, ansonsten jedoch persönliche Freiheit genossen. An der Spitze jener Ordnung stand der König. Alle Monarchen entstammten dem Erbadel, den Nachkommen Acamapichtlis in männlicher Linie. Neben diesen wenigen Auserwählten gab es eine zweite Adelsschicht, eine Art Ritterorden, dem die Anführer der Kriegervereinigungen angehörten, in den aber auch Tapfere aus dem Volk aufrücken durften. Auszeichnung im Krieg sorgte also für ein gewisses Maß an sozialer Mobilität. Als Konsequenz von Normbrüchen bzw. Verfehlungen drohte gesellschaftlicher Abstieg.
 
Die weltliche Machtpyramide aus Herrschern und Beherrschten war undenkbar ohne einen Priesterstand, dessen vor dem Volk geheim gehaltenes Instrumentarium half, gesellschaftliche Ordnung als gottgewollt aufrechtzuhalten. Ohne die von den Priestern ständig geschürte Götterfurcht sind viele Aspekte des religiösen Kanons in Mesoamerika kaum verständlich. Heilige Handlungen zielten auf die Versicherung des Wohlwollens der Überirdischen, galten aber auch der Sorge um den Bestand der Welt, der Natur und Fruchtbarkeit oder standen in Zusammenhang mit Krankenheilung und Tod.
 
Bei Krönungen, Tempelweihen und religiösen Zeremonien wurden häufig Menschen geopfert, manchmal bis zu 2000. Höhere Zahlen, die oft in der Literatur erscheinen, sind wohl Übertreibungen aztekischer Geschichtsschreiber oder späterer Chronisten. Die Azteken hielten sich für die Soldaten der Sonne. Sie glaubten, dass sich das Leben spendende Gestirn jeden Tag gegen die Mächte der Finsternis, Mond und Sterne, durchsetzen müsse. Deshalb nährten und kräftigten sie es mit dem wertvollsten Elixier, das sie kannten: mit menschlichem Blut. Doch nicht allein diese Notwendigkeit trieb die Azteken an. So beschworen die für den Wettergott Tlaloc ertränkten Opfer Regen auf die Felder herab, und die Häute der zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Xipe Erschlagenen, in die sich Priester zwanzig Tage lang hüllen mussten, versinnbildlichten die abgestorbene Vegetation, aus der sich neues Leben schälte.
 
Den Menschenopfern vor allem begegneten die europäischen Eroberer mit Verständnislosigkeit. Während in ihrer Heimat die Scheiterhaufen der Inquisition loderten und Tausende von »Ketzern« und »Hexen« im Namen eines ungnädigen Christengottes verbrannten, gingen die Konquistadoren gegen die »Barbarei der Mexikaner« vor und benutzten deren Blutopfer als Vorwand für Ausrottung, Unterdrückung und Unterwerfung. 1525 stand Quauhtémoc, der letzte aztekische König, vor seinen Henkern. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits zum Christen und Tenochtitlán zur spanischen Residenz Ciudad Real de México geworden!
 
Wolfgang Müller
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Indianer Süd- und Mittelamerikas in der Kolonialzeit: Unterdrückung und Selbstbehauptung
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Altamerika: Anfänge und formative Phase
 
 
Altamerikanistik. Eine Einführung in die Hochkulturen Mittel- u. Südamerikas, herausgegeben von Ulrich Köhler. Berlin 1990.
 
Das alte Mexiko. Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas, herausgegeben von Hanns J. Prem u. a. München 1986.
 
Die Schatz-Gräber. Archäologische Expeditionen durch die Hochkulturen Südamerikas, bearbeitet von Wolfgang W. Wurster. Hamburg 1991.
 Westphal, Wilfried: Die Azteken. Ihre Geschichte von den Anfängen bis heute. Lizenzausgabe Bergisch Gladbach 1992.

Universal-Lexikon. 2012.

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